Internationaler und globaler Diskurs über ethische Grundlagen universaler Rechtsgeltung: Selbstbestimmung als Grundlage oder Verhinderung einer globalen Ethik?

Author:Angelika Emmerich-Fritsche
Pages:16-38
SUMMARY

Allgemeinmenschliche Unrechtserfahrungen und globale Gefahren offenbaren die Notwendigkeit und Möglichkeit einer (holistischen) universalen ethischen Rechtsbegründung. Ungeachtet der dekonstruktiven Kritik bleiben Diskurs und Konsens bewährte, allgemein anerkannte prozedurale Regeln zur Entdeckung sowie zur Begründung der Verbindlichkeit von Normen. Zur Erkennung eines universalen (und nicht nur... (see full summary)

 
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ANCILLAIURIS(anci.ch)2012:16InternationalLawandEthics 16
InternationalerundglobalerDiskursüberethischeGrundlagen
universalerRechtsgeltung:
SelbstbestimmungalsVerhinderungoderGrundlageeinerglobalenEthik?
vonAngelikaEmmerichFritsche
I. EthikalsGrundlageuniversalenRechts
A. Einleitung
EthischeGrundlagenuniversalerRechtsgeltungkanneserstensnurgeben,wennuniver
saleRechtsgeltungethischbegründbaristundzweitenseineuniverselleEthikzurVerfü
gungsteht.DieEvidenzdesFehlenseinesWeltgesetzgebersunddieFragmentierungdes
Völkerrechts1könnteneinemWeltrechtentgegenstehen.EinesWeltgesetzgebersbedarfes
jedochnicht,soweitsichdasVölkerrechtallmählichzueinempartiellglobalenRechtent
wickelt.ImVölkerrechtbereitsetabliertsinddieuniversalrechtlichenKonzeptionender
Prinzipienergaomnesundiuscogens.DarüberhinausistimSchrifttumdieRedevon„Welt
recht“2,„Weltinnenrecht“3sowieverbreitetvonder„KonstitutionalisierungdesVölker
rechts“4.WelchessinddieethischenGrundlageneinersolchenEntwicklung?Knüpftnicht
insbesonderederBegriffderKonstitutionalisierunganbestimmte,traditionelldemAbend
landzugeschriebeneethischeGrundwertean,dieschrittweiseglobalisiertwerden?Setztdie
EntstehungglobalenRechtseineexistierendeWeltethikvoraus?GibteseineWeltethikange
sichtsderrealenPluralitätderKulturenundSysteme?5WieistdasVerhältnisvonEthikund
RechtaufglobalerEbene?EineBegründunguniversalenRechtsmüssteihrerseitsuniversal
sein,sowohlinmethodischeralsauchininhaltlicherHinsicht.Erkenntnistheoretischstellt
sichdasProblem,wieeineuniversaleEthikermitteltwerdenkann.Ausgangspunktesind
ungeachtetderentgegenstehendendekonstruktivenKritikprozeduralzunächstdasimVöl
kerrechtanerkannteKonsensprinzipundmateriellderimuniversellenVölkerrechtmanife
stierteglobaleethischeMindeststandard.DieseBetrachtungmussjedocherweitertwerden,
weilglobalesRechtnichtnurzwischenstaatliches,sondernauchRechtzwischenVölkern
undMenschenseinsoll.VonwachsenderBedeutungistdabeinebendenMenschenrechten
dasSelbstbestimmungsrechtderVölker.EthischeNormenüberdasRichtigewirkennicht
nurindenpolitischenForenderStaatenundinternationalenOrganisationenininstitutiona
lisiertenProzessenaufdieRechtsetzungein,sondernbildensichvorallemingesellschaftli
chenDiskursenimZeitalterderGlobalisierunginderWeltgesellschaftherausundfort.6
1AndreasR.Ziegler,EinführungindasVölkerrecht(2006),52ff.
2RüdigerVoi gt ,GlobalisierungdesRechts,in:ders.(Hrsg.),GlobalisierungdesRechts(1999/2000),16(21);
eingehendAngelikaEmmerichFritsche,VomVölkerrechtzumWeltrecht(2007),41ff.,188ff.
3JostDelbrück,RechtsentwicklungenineinemsichwandelndeninternationalenSystem,in:JoachimJickeli/
PeterKreutz/Dieter Reuter(Hrsg.),GedächtnisschriftfürJürgenSonnenschein(2003),793ff.
4Z.B.Armin v. Bogdandy , Constitutionalism in International Law. Comment on a Proposal from Germany, Harvard
International Law Journal 47 (2006) 1, 223–242, 224 ff.; BrunOttoBryde,KonstitutionalisierungdesVölker
rechtsundInternationalisierungdesVerfassungsrechts,DerStaat42(2003)1,61–75;StefanKadelbach,Ethik
des Völkerrechts unter Bedingungen der Globalisierung, ZaöRV 64 (2004), 1–20, 4,13f.;AnnePeters,Global
ConstitutionalisminaNutshell,in:KlausDickeetal.(Hrsg.),Weltinnenrecht. Liber amicorum Jost Delbrück
(2005),535550.
5Vgl.RenéJeanDupuy,L’aven ir dudroitinternationaldansunmodemulticulturel(1984),476.
6MyresS.McDougal,TheDorseyComment:AModestRetrogression,AJIL(1988),53f.
AngelikaEmmerichFritscheSelbstbestimmung
17 ANCILLAIURIS(anci.ch)2012:16InternationalLawandEthics
B. ZusammenhangvonEthikundRechtalsuniversalenormativeFragestellung
RechtundEthiksindinmehrfacherHinsichtmiteinanderverknüpft.WiedasRecht
beziehtsichdieEthikaufNormenmitAnspruchaufallgemeineGeltungalsMaßstabfür
rechtesHandelnundstelltentsprechendePflichtenauf.DieinnereHaltung,imEinklangmit
derEthikzusein,istmoralischundunterliegtnurdemSelbstzwang.7Rechtistdagegenaus
traditionellerSichtverbindlicher,durchsetzbarerMaßstabfürdasäußereHandeln.Aufglo
balerEbenetrittdieDurchsetzbarkeitalsUnterscheidungsmerkmalzurück.Imschwach
institutionalisiertenundvomSouveränitätsprinzipundvomGewaltverbotbestimmtenVöl
kerrechtsinddieAnforderungenandieDurchsetzbarkeitnotwendigreduziert.8ImBegriff
desinglobalenNetzwerkenentstehendensoftlaw9,demdasZwangsmomentfehlt,verwischt
dieAbgrenzungvonEthik,PolitikundRechtsogarfastvöllig.ImMittelpunktstehtjedoch
dieFrage,obRechtethischseinmuss,umals„Recht“geltenzukönnen.Wenndieszubeja
henist,welcheEthikistheranzuziehen?DieFragenachdemVerhältnisvonEthikund
Recht10stelltsichnormativuniversal,d.h.fürdasstaatlicheRecht,dasVölkerrecht/Interna
tionaleRechtsowieimZeitalterderEntgrenzungauchimweltbürgerlichenoderweltgesell
schaftlichenZusammenhang.11RechtimuniversalenSinnbeanspruchtGeltungindiesen
dreiKontexten.12
C. KlassischePositionenzurRechtsbegründungundRechtsgeltung
NachdenethischenGeltungslehrenfolgtdieGeltungdesRechtsunmittelbarausihrer
(ethischen)Begründung.13DieklassischenNaturrechtslehrenhabeneinelangeTraditionim
Völkerrecht,dievondenstoischen,durchCiceroüberliefertenVorstellungeneinernatürli
chenOrdnungdesWeltganzen14überThomasvonAquin,FranciscodeVitoria,Francisco
Suarez,HugoGrotius,SamuelPufendorf,ChristianWolffundEmericVattel15bisindas
7ImmanuelKant,MetaphysikderSitten,Tugendlehre,hrsg.v.WilhelmWeischedel(1983),Bd.7,509(A3,4)
ff.
8DazuAngelikaEmmerichFritsche,RechtundZwangimVölkerrecht,insbesondereimWelthandelsrecht,in:
KarlAlbrechtSchachtschneider(Hrsg.),RechtsfragenderWeltw irt scha ft(2002),123–209.
9DazuDanielThürer,„SoftLaw“,ZSchwR104(1985),429ff.;MatthiasKnauff,DerRegelungsverbund:Recht
undSoftLawimMehrebenensystem(2010),213ff.
10 ZurmethodologischenBedeutungdesRechtsbegriffsFranzBydlinski,JuristischeMethodenlehreund
Rechtsbegriff(1991),179ff.
11 CharlesBeitz,PoliticalTheoryandInternationalRelations(1979);KwameAnthonyAppiah,Cosmopolitan
ism:EthicsinaWorl dofStrangers(2006);SimonCaney,JusticeBeyondtheBorders:AGlobalPolitical
Theory(2005).
12 Vgl.ImmanuelKant,ZumewigenFrieden.EinphilosophischerEntwurf(A1795/B1796),hrsg.v. Wilhelm
Weis che del (1983),Bd.9,203,Anmerkung(BA19),241(B92,93/A86,87)f.
13 SieheLonL.Fuller,TheMoralityofLaw,2.Aufl.(1969),41(KritikzuHart);RobertAlexy,BegriffundGel
tungdesRechts(2002),64ff.;KritikderpositivistischenRechtsbegriffebeiJürgenHabermas,Erkenntnisund
Interesse(1991),88ff.;KarlAlbrechtSchachtschneider,Respublicarespopuli(1994),147ff.,217ff.;zurFrage
desGerechtigkeitsgehaltsdesRechtsvgl.AxelTsc he nts ch er, ProzeduraleTheorienderGerechtigkeit(1999),
27ff.
14 Cicero,Deofficiis,Liberprimus,11;LiberIII,240(23);M.E.Reesor,ThePoliticalTheoryoftheOldandMid
dleStoa(1951),10f.
15 ThomasvonAquin,Summatheologica,hrsg.v.KatholischenAkademikerverband(1934),I,q.22,Art.1.2
undIII,q.91,Art.1,2;Vit ori a,ÜberdiestaatlicheGewalt(Depotestatecivili,1532),13,212;Suárez,Tract a
tusdelegibusetdeolegislatore(1612),Nachdruck1967,II,cap.XIX,9;vgl.HugoGrotius,Dejurebelliac
pacis(1625),Prolegomena,§§3,23ff.;SamuelPufendorf,Dejurenaturaeetgentium(1672);ChristianWol ff,
Jusgentium,Prolegomena,§§1020;EmmerichdeVat te l,Ledroitdesgensouprincipesdelaloinaturelle
(1758)1916,livreI,Kap.I,I,§4.

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