From 'Economic Constitution I, II' to the 'Self-justifying Law of Constitutional Law': On the criticality of Rudolf Wiethölter's Critical Systems Theory

Author:Gunther Teubner
Pages:1-33
 
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Ancilla Iuris, 2020 Lagen des Rechts Article E-ISSN 1661-8610
Constellations of Law DOI 10.26031/2020.001 DOAJ 1661-8610
Ancilla
Iuris
Von „Wirtschaftsverfassung I, II“ zum
„selbstgerechten Rechtsverfassungsrecht“:
Zur Kritizität von Rudolf Wiethölters
„kritischer Systemtheorie“
From Economic Constitution I, IIto the
Self-justifying Law of Constitutional Law:
On the criticality of Rudolf Wiethölter’s
Critical Systems Theory
Gunther Teubner*
Translated by Jacob Watson
TEUBNER – ON THE CRITICALITY OF WIETHÖLTER’S CRITICAL SYSTEMS THEORY
ANCILLA IURIS 2020, 1 2 CC BY 4.0
I.
MORTAL SINS
Avaritia, superbia, contentio, curiositas, concupis-
centia oculorum—should the overcoming of these
mortal sins of the Middle Ages be a key to Rudolf
Wiethölter’s constitutional conception? Indeed,
this is my thesisbut only under the condition
that the drastic revaluation of the old deadly sins in
the process of forming modern constitutionalism is
taken into account consistently.
1. Revaluation
What counted in the Middle Ages as the mortal sins
of individuals, which—minded by the pastoral dis-
cipline of the Catholic Church—determined the
salvation/damnation of souls, was radically reval-
ued to the extreme during the Renaissance in two
ways. For one, mortal sins became admirable indi-
vidual virtues.1 More importantly, though, deadly
sins were transformed into autonomous social
institutions, each seeking to perfect a single idée
directrice. Avaritia, the vice of miserliness and
greed for worldly wealth and profit, described by
Augustine as the root of all sins2, transformed into a
praiseworthy virtue, at the latest since the Medici
of Florence, and ultimately became one of the great
social institutions: the modern profit-driven econ-
omy, touting value maximization above all.3 Since
Machiavelli, superbia has no longer been a mortal
sin but rather the princes’ primary virtue as lust for
power; meanwhile, it has become the leading
motive for actions in the autonomous political sys-
tem. Galileo’s insatiable curiositas was still con-
demned by the Church as hubris, indeed, but appre-
ciated by his contemporaries as the privilege of man
and has meanwhile become the core of the institu-
tion of science as it liberated itself from pope and
1
* For their critical, constructive comments, my thanks goes out to Got-
thard Bechmann. Pasquale Femia, Andreas Fischer-Lescano, Roman
Guski, Bertram Lomfeld and Anton Schütz. The texts by Rudolf
Wiethölter are quoted from the anthology, Marc Amstutz/Peer Zum ban-
sen (eds.), Recht in Recht-Fertigungen: Ausgewählte Schriften von
Rudolf Wiethölter (2014) as far as reprinted there, under the abbrevia-
tion RW with the title of the essay and the year of publication.
There are some English translations of Wiethölter’s articles available:
Rudolf Wiethölter, Materialization and Proceduralization in Modern
Law, in: Teubner (ed.), Dilemmas of Law in the Welfare State 221-249
(1985); Rudolf Wiethölter, Social Science Models in Economic Law, in:
Daintith / Teubner (eds.), Contract and Organization: Legal Analysis in
the Light of Economic and Social Theory 52-67 (1986); Rudolf
Wiethölter, Proceduralization of the Category of Law, in: Joerges /
Trubek (eds.), Critical Legal Thought: An American-German Debate
501-510 (1989); Rudolf Wiethölter, Just-ifications of a Law of Society, in:
Perez / Teubner (eds.), Paradoxes and Inconsistencies in the Law 65-77
(2005).
1 This is a generalization of Blumenberg’s famous thesis that in the
Renaissance a reinterpretation of curiositas from a vice into a virtue
took place, only by which did the modern institution of science become
possible, Hans Blumenberg, The Legitimacy of the Modern Age (1986),
229 ff.
2Thomas Aquinas, Summa theologica, Part One of Part Two, Question 84.
3More on this Nahel Asfour, The Cultural Perspective of Wrongful
Enrichment Law: A Study in Comparative Poetics (2013), 56 ff., 60.
I.
TODSÜNDEN
Avaritia, superbia, contentio, curiositas, concu-
piscentia oculorum – sollte die Überwindung dieser
Sünden – gar Todsünden – des Mittelalters einen
Schlüssel zu Wiethölters Verfassungsverständnis
abgeben? In der Tat ist dies meine These – aller-
dings nur unter der Bedingung, dass die drastische
Umdeutung der alten Todsünden im Prozess der
Herausbildung moderner Gesellschaftsverfassun-
gen konsequent mitbedacht wird.
1. Umdeutungen
Was im Mittelalter als Todsünde der Einzelmen-
schen zählte, welche – überwacht von der pastora-
len Disziplin der katholischen Kirche – über See-
lenheil/Verdammnis entschied, wurde in der
Renaissance in äußerster Radikalität umgewertet
und zwar auf doppelte Weise. Zum einen, aus Tod-
sünden wurden bewundernswerte individuelle
Tugenden.1 Zum anderen und wichtiger noch, die
Todsünden verwandelten sich in autonome soziale
Institutionen, die jeweils eine einzige idée
directrice zu vervollkommnen suchten. Avaritia,
das Laster des Geizes und der Gier auf weltlichen
Reichtum und Profit, von Augustinus als die Wur-
zel aller Sünden bezeichnet,2 verwandelte sich spä-
testens seit den Florenzer Medici in eine lobens-
werte Tugend und wurde schließlich unter dem
Titel Nutzenmaximierung, zu einer bedeutenden
sozialen Institution, der neuzeitlichen profitgetrie-
benen Wirtschaft.3 Seit Macchiavelli war superbia
nicht mehr Todsünde, sondern als Machtgier die
primäre Tugend des Prinzen; zugleich wurde sie in
dem sich autonomisierenden politischen System
zu dessen führendem Handlungsmotiv. Galileos
unersättliche curiositas wurde zwar noch von der
Kirche als Hybris verdammt, aber von seinen Zeit-
1
* Für kritisch-konstruktive Kommentare danke ich Gotthard Bechmann,
Pasquale Femia, Andreas Fischer-Lescano, Roman Guski, Bertram
Lomfeld und Anton Schütz. Die Texte von Rudolf Wiethölter werden
aus dem Sammelband Marc Amstutz / Peer Zumbansen (Hg.), Recht in
Recht-Fertigungen: Ausgewählte Schriften von Rudolf Wiethölter
(2014), soweit dort abgedruckt, zitiert und zwar unter der Abkürzung
RW mit Angabe des Aufsatztitels und des Erscheinungsjahrs.
1 Dies ist eine Verallgemeinerung der These von Hans Blumenberg, in der
Renaissance habe sich eine Umdeutung der curiositas von einem Laster
in eine Tugend vollzogen, was erst die moderne Institution der Wissen-
schaft möglich gemacht hat, Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neu-
zeit (1965), 68 ff.
2Thomas Aquinas, Summa theologica, Bd. 31: III (1934), Frage 8 4.
3Dazu näher Nahel Asfour, The Cultural Perspective of Wrongful Enrich-
ment Law: A Study in Comparative Poetics (2013), 56 ff., 60.
TEUBNER – ON THE CRITICALITY OF WIETHÖLTER’S CRITICAL SYSTEMS THEORY
ANCILLA IURIS 2020, 1 3 CC BY 4.0
genossen als Vorzug eines Menschen hochge-
schätzt und wurde zugleich zum Kern der sich von
Papst und Kaiser befreienden Institution der Wis-
senschaft.4 Michelangelos concupiscentia ocul-
orum, seine maßlose „Augenlust“ wurde nicht mehr
verurteilt, sondern geradezu verehrt. Zugleich
befreite er die autonome Kunst aus ihrer Abhängig-
keit von der Kirche.5 Und schließlich wurde die
contentio, die Rechthaberei und Streitsucht zur
rhetorischen Kunst eines Juristen veredelt;
zugleich avancierte sie nach Irnerius, Accursius
und ihren Bologneser Kollegen europaweit zum
autonomen System des Rechts.
Damit gewann der berühmt-berüchtigte take-off
des Westens, der in Italien der Renaissance
begann, seine enorme Dynamik: mit dieser doppel-
ten Transformation, mit der Umdeutung einstiger
Todsünden in individuelle Tugenden und – wichti-
ger noch – mit ihrer sozialen Institutionalisierung
in den großen autonomen Sinnsphären der Wis-
senschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft und Recht.6
Die Entfesselung ihrer Produktivkräfte beruhte
darauf, dass sie im Europa der Neuzeit ausschließ-
lich ihre je eigene Rationalität, ohne jede Rücksicht
auf andere, verwirklichten. Diese geradezu para-
doxe multiple Unifunktionalität autonomer Hand-
lungssphären gibt dem Sonderweg Europas zum
neuen Polytheismus Max Webers die Richtung vor,
weil sie in jedem dieser Handlungssysteme kultu-
relle Höchstleistungen ermöglichte.7
Doch Todsünden bleiben Todsünden! In der Spät-
moderne werden die destruktiven Tendenzen der
auf ihnen erbauten Institutionen in aller Härte
erfahrbar. Die Maßlosigkeit von avaritia, superbia,
contentio, curiositas wiederholt sich in der Maßlo-
sigkeit der modernen Funktionssysteme. Intern in
rücksichtsloser Rationalitätsmaximierung und
extern in kolonisierender Expansion wird die maß-
lose Rekursivität der Systeme der Politik, der Wirt-
schaft, des Rechts, der Wissenschaft und Techno-
logie, der digitalen Medien geradezu zu einer
Kollektivsucht, also per definitionem zur Wieder-
holung und Steigerung eines selbstschädigenden
4 „Die Dienstbarkeit der Technik für die Theorie, der geradezu symboli-
sche Rang des Teleskops für die Selbstbestätigung der theoretischen
Neugierde, erforderten einen geistigen Durchbruch von der Kühnheit
der Proklamation, die Galilei im März 1610 mit seinen ‚Sidereus Nun-
cius‘ vollziehen sollte.“ Blumenberg (Fn. 1), 435.
5Ibid.
6 Anton Schütz merkt in seinem Kommentar zu diesem Text an, dass der
Sündenbegriff plus seine Eigenschaft als tragender Pfeiler der Auto-
poiesis in der Tat der für die Moderne eigentlich zuständige Begriff sei.
Man gewinne damit zu Luhmanns etwas brüsker Untersch eidung von
sozialen und psychischen Systemen einen ganz anderen Zugang: „Was
psychisch ‚Sünde‘ ist, ist sozial Bedingung für Betrieb und Funktion.“
7 Eingehende historische Analysen zur funktionalen Differenzierung bei
Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik I-IV (1980-1996).
emperor.4 Michelangelo’s concupiscentia oculo-
rum, his boundless “lust of the eye” was no longer
damning but revered. Meanwhile, he liberated
autonomous art from its dependence on the
church.5 And finally, contentio, disagreement, and
the desire to argue became the excellent rhetorical
art of the jurist; meanwhile, it spread, following
Accursius and his Bolognese colleagues, advancing
into the autonomous system of law throughout
Europe.
Thus began the (in)famous take-off of the West,
which started in Italy during the Renaissance, to
build its momentous dynamic: with this double
transformation, with the reinterpretation of former
mortal sins into individual virtues and—more
importantly—with their social institutionaliza-
tion in the great autonomous spheres of meaning, in
science, art, politics, economy and law.6 The basis
for their productive forces to be unleashed in
Europe of modern times was that each realized its
own rationality in exclusivity, without any consid-
eration for other rationalities. This almost paradox-
ical multiple unifunctionality of autonomous
spheres of action sets the direction for Europe’s
unique path, because it enabled cultural excellence
in each of these systems of action.7
But deadly sins remain deadly sins! In the late mod-
ern era, the destructive tendencies of the institu-
tions built upon deadly sins can be experienced in
all their severity. The excessiveness of avaritia,
superbia, contentio, curiositas is mirrored in the
excessiveness of modern functional systems. Inter-
nally in ruthless rationality maximization and
externally in colonizing expansion, the excessive-
ness of the systems of politics, the economy, law,
science and technology, of digital media becomes
almost a collective addiction, i.e. the repetition and
multiplication of a self-damaging social behavior
despite the keen knowledge of its harmful effects.8
4 The servitude of technology to theory, the almost symbolic rank of the
telescope for the self-affirmation of theoretical curiosity, required a spi-
ritual breakthrough from the boldness of the proclamation that Galileo
was to carry out, see Blumenberg (fn. 1).
5Ibid.
6 In his comment on this text Anton Schütz argued that the concept of sin
in its foundational role for autopoiesis is the most relevant pillar of
modernity. It opens a new access to Luhmann’s distinction of social and
psychic systems: “Psychic sins are social conditions for functioning
systems.”
7 In-depth historical analysis of functional differentiation in Niklas Luh-
mann, Gesellschaftsstruktur und Semantik I-IV (1980-1996), one article
available in English: Niklas Luhmann, Temporalization of Complexity,
in: Geyer / Zouwen (eds.), Sociocybernetics (1978), 95-111.
8 On collective addiction Gunther Teubner, A Constitutional Moment?
The Logics of “Hit the Bottom”, in: Kjaer / Teubner / Febbrajo (eds.), The
Financial Crisis in Constitutional Perspective: The Dark Side of Func-
tional Differentiation (2011), 4-42.

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